Das Zusammenspiel der Hilfen

Staffel IV - Folge 2

Warum tun wir das eigentlich alles?

Du hast jetzt schon eine Menge über Pferde und über das Reiten gelernt: Von Gleichgewicht und Balance, von den Hilfen und von Hufschlagfiguren. Vielleicht hast Du auch schon mal von Seitengängen gehört…

Aber wofür brauchen wir das alles? Warum stellen und biegen wir das Pferd? Warum reiten wir so sorgfältig durch Ecken? Warum reiten wir Hufschlagfiguren? Warum sich nicht einfach draufsetzen, in den Wald reiten und fertig?

Der Frage wollen wir jetzt mal gemeinsam auf den Grund gehen ….

Der Weg des geringsten Widerstands

Diesen Weg wählen wir häufig, wir sind faul und zu bequem, auch wenn wir wissen, dass das nicht gut für uns ist.

Wenn wir auf unserem Stuhl in der Schule oder im Büro rumlümmeln und krumm sitzen, wissen wir genau, dass das nicht gut für unsere Haltung ist.

Wir haben dann verspannte Schultern und bekommen Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen. Dann müssen wir entweder zur Massage oder es wird uns empfohlen, Sport zu machen.

Hätten wir immer gerade gesessen und vorbeugende Gymnastik gemacht, wäre das nicht passiert!

Als wir noch zu den Jägern und Sammlern gehörten, waren uns solche Probleme unbekannt. Wir haben sozusagen ununterbrochen Sport gemacht, weil wir anders nicht in der Lage waren, für unsere Nahrung zu sorgen.

So geht es auch unserem Pferd!

Als Wildpferd ist unser Pferd stundenlang gewandert, um Nahrung und Wasser zu finden, es hat mit anderen Pferden gespielt oder um die Rangordnung gekämpft und ist blitzartig geflüchtet, wenn Gefahr drohte. Dadurch hat es seine Muskeln regelmäßig trainiert.

Jetzt lebt unser Pferd nicht mehr in Freiheit und die Menschen wollen auf ihm sitzen!

Was bedeutet das für das Pferd?

Das Pferd schiebt mit der Hinterhand (Schubkraft, hier sitzt der Motor!) und zieht mit der Vorhand vorwärts, damit es jederzeit beschleunigen kann, wenn es nötig ist zu fliehen.

Es hat ein natürlichen Gleichgewicht und benutzt Kopf und Hals als Balancierstange. Das Wissen, diese Fähigkeiten nutzen zu können, gibt dem Pferd das Gefühl der Sicherheit.

Und dann?

Kommt der Mensch und schon ist das schöne, Sicherheit vermittelnde Gleichgewicht dahin!

Dadurch, dass der Mensch auf dem Pferd sitzt, entsteht für das Pferd ein unnatürliches Ungleichgewicht.

Genauso wie für uns eine falsche Haltung auf dem Bürostuhl schädlich ist, ist es für das Pferd schädlich, nicht im Gleichgewicht laufen zu können – es führt zu einer Überlastung der Vorderbeine.

Müssen wir jetzt auf das Reiten verzichten? Nein, wir müssen nur wissen, wie man es richtig macht!

Schau Dir in Ruhe die Bilder an. Die Bilder auf der linken Seite sind alten Gemälden nachempfunden. Das war eine Zeit, zu der die Menschen viel Zeit darauf verwenden konnten, das Pferd zu studieren und sich Gedanken um das Reiten und die Ausbildung des Pferdes zu machen. Davon profitieren wir noch heute.

Was unterscheidet die Bilder der Galerie von den Einzelbildern auf der rechten Seite?

Galerie 

Einzelbilder

In der folgenden Aufgabe sind alle Aussagen richtig!

Wir möchten aber, dass Du DIE Aussage findest, die der Grund dafür ist, dass alle anderen Aussagen richtig sind.

Lass Dir am Schluss die Ergebnisse anzeigen – Du erhältst dann weitere Informationen.

Jetzt hast Du das Wichtigste schon aufgrund der Bilder herausgefunden. Und nun erklärt uns Imke die Zusammenhänge nochmal ganz wunderbar mit einigen Schaubildern.

Quelle: YouTube Video, Pferd erklärt, Folge 2: Das Gleichgewicht, Imke Kretzmann (131 Sek.)

Jetzt weißt Du, warum die Hilfen und die Bahnfiguren so wichtig sind!

Deine korrekten Hilfen und die ganzen Zirkel, Volten, Übergänge und Seitengänge sind die vorbeugende Gymnastik für Dein Pferd.

Sie sorgen dafür, dass Dein Pferd die Muskeln an den richtigen Stellen hat, um Euer gemeinsames Gleichgewicht finden zu können. Sie erhalten seine Wendigkeit und Geschmeidigkeit.

Und, am Allerwichtigsten: Sie halten Dein Pferd gesund!

Das bedeutet aber auch: Die Dressur ist die Grundlage von allem anderen, was Du mit dem Pferd tun möchtest.

Hast Du dressurmäßig nicht gut gearbeitet, kannst Du von Deinem Pferd auch beim Springen keine Wunder erwarten.

Das Zusammenspiel der Hilfen

Die Voraussetzungen

Damit Deine Hilfen überhaupt wirken, solltest Du ein paar Dinge beachten.

Volle Aufmerksamkeit ist gefragt!

Dein Pferd erwartet, dass Du ihm Deine volle Aufmerksamkeit schenkst!

Erinnerst Du Dich noch an die Folge “Wer ist hier der Boss”?

Pferde erwarten Führung – und Deine volle Aufmerksamkeit.

Andernfalls hören sie einfach nicht mehr zu, ignorieren Deine Hilfen und machen, was sie wollen.

Vergiss also das Handy, das hat auf dem Pferd nichts zu suchen, denk nicht daran, was Du nachher noch alles einkaufen musst.

 

Dein Pferd toleriert das einfach nicht!

Schritt ist nicht nutzlos!

Du weißt durch die Reitstunde, dass zu Beginn immer eine Schrittphase geritten wird – mindestens 10 Minuten. Aber, warum?

Die Schrittphase ist das Aufwärmen für das Pferd, so wie jeder Sportler das macht. Das gibt es im Sportunterricht genauso, wie vor einem Tennismatch.

Die Schrittphase kann aber noch mehr bewirken: Sie dient dazu, schon mal mit dem Pferd zu “reden”: Du kannst auch mit einem langen Zügel die Verbindung zum Maul herstellen, Du kannst versuchen, im Schritt langsamer oder schneller zu sein,   Du kannst Zirkel oder Schlangenlinien reiten, Du kannst anhalten und wieder anreiten (mehrfach).

Das alles dient dazu, dem Pferd zu sagen “Hallo, mein Freund, wir wollen jetzt etwas tun!” – Dann wird es Dir auch zuhören.

Eine einfache Regel

Dein Pferd hat ein sicheres Gefühl für Gleichgewicht und Körpersprache, selbst wenn es nicht sieht, was Dein Körper gerade macht – es fühlt es.

Manchmal hörst Du andere Reiter davon berichten, dass sie sich gerade überlegt haben, wohin sie jetzt reiten wollen, z.B. über die Diagonale und dann festgestellt haben, dass Ihr Pferd das bereits macht, obwohl sie noch gar nicht die Hilfe gegeben haben. Dein Pferd “liest” kleinste Muskelregungen, auch, wenn Du bewusst noch gar nichts getan hast.

Damit Deine Körpersprache eindeutig ist, solltest Du Dir Folgendes merken – das gilt immer und wird später, bei den komplizierteren Lektionen noch sehr wichtig:

Deine Schultern sind parallel zu den Schultern des Pferdes,

Deine Hüften parallel zu den Hüften des Pferdes.

Bewegst Du die Schultern, folgt Dir die Vorhand des Pferdes,

bewegst Du die Hüfte, folgt Dir die Hinterhand des Pferdes.

Der Baukasten der Hilfen

Du hast hast mehrere Hilfen zur Verfügung. Aber wie ist das alles einzusetzen? Immer alles?

Sortiere die Hilfen nach ihrer Bedeutung

Mit den kleinen Pfeilen kannst Du die Reihenfolge bestimmen

Und hier gibt es Informationen zur Lösung!
Aber erst nach Lösung der Aufgabe gucken! 😜

An den Richtwerten siehst Du, welche Hilfen die wichtigsten sind.

Sie zeigen, dass es hauptsächlich auf den ausbalancierten Sitz und die Gewichtshilfen ankommt und dass Deine Hand die kleinste Rolle bei Deiner Einwirkung auf das Pferd spielen sollte.

Die Stimme kannst Du immer verwenden – zum Loben. Gerte und Sporen sollten nur ganz selten und vorsichtig dosiert eingesetzt werden.

Worauf kommt es bei den Hilfen an?

Da Imke die Hilfen so großartig erklärt, wollen wir uns das mit ihr gemeinsam nochmal genau ansehen…

Der Sitz und das Gewicht

Sitz und Gewichtsverlagerung haben wir schon ausführlich behandelt.

Imke erklärt uns jetzt noch, was es bedeutet, sein Kreuz anzuspannen

Quelle: YouTube Video, Pferd erklärt, Folge 4, Die Hilfen Teil 1: Der Sitz, Imke Kretzmann (57 Sek.)

Alle Bewegungen des Reiters sollen allein vom Pferd ausgehen

Die Anspannung des Kreuzes setzt nur kurze Akzente

Damit kann das Pferd abgefangen, versammelt oder aufgefordert werden

Wenn das Pferd richtig untertritt, bewegt sich der Rücken des Pferdes deutlich spürbar für den Reiter. Man sagt auch, man hat den Rücken zum Schwingen gebracht.

Aber, wann weißt Du denn, ob es richtig ist und wie fühlt es sich an, wenn der Rücken schwingt? Gefühle lassen sich schwer erklären, aber einen Versuch ist es wert. 😅

Beim Leichttraben hast Du das Gefühl, als ob Du Dich in etwas ganz Weiches setzt. Nichts ist mehr hart, der Sattel kommt einem vor, als ob er auf einmal besser zum eigenen Gesäß passt.

Beim Aussitzen hast Du das Gefühl, als ob Du in einer ganz tiefen Kuhle mitten im Pferd sitzt. Jede Bewegung passt, man denkt, das Pferd nimmt einen in der Bewegung mit.

Du wirst es merken. Es kommt der Tag, da ist das Gefühl auf einmal da.

Aber: Das ist wirklich nicht einfach und es dauert eine ganze Weile, bis man es schafft!

Die Schenkel

Quelle: YouTube Video, Pferd erklärt, Folge 2, Die Hilfen Teil 2: Die Schenkel, Imke Kretzmann (50 Sek.)

Wenn das Bein federn soll, muss die Bügellänge stimmen

Quelle: YouTube Video, Pferd erklärt, Folge 2, Die Hilfen Teil 2: Die Schenkel, Imke Kretzmann (62 Sek.)

Die Stärke der Schenkelhilfe muss zum Temperament des Pferdes passen

Die Schenkelhilfe ist immer nur ein kurzer Impuls

Das Treiben soll die Hinterhand zum verstärkten Untertreten veranlassen

So bekommt der Reiter die Kontrolle über die Hinterhand und das Pferd

Quelle: YouTube Video, Pferd erklärt, Folge 2, Die Hilfen Teil 2: Die Schenkel, Imke Kretzmann (42 Sek.)

Wichtig ist der Zeitpunkt des Treibens

Der Impuls des Treibens muss beim Abfussen erfolgen

Die Zügel

Quelle: YouTube Video, Pferd erklärt, Folge 6, Die Hilfen Teil 3: Die Zügel, Imke Kretzmann (75 Sek.)

Die Anlehnung ist ein Angebot des Reiters

Das Pferd soll diese Hilfe annehmen

Der aktive Part liegt also beim Pferd

Du siehst die richtige Haltung des Zügels

Du siehst, wie Zügelhilfen gegeben werden (Schwämmchen ausdrücken)

Quelle: YouTube Video, Pferd erklärt, Folge 6, Die Hilfen Teil 3: Die Zügel, Imke Kretzmann (147 Sek.)

Die Zügel bieten den Rahmen nach vorne

Die Zügel rahmen das Pferd ein und halten es gerade

Dann können Hinterbeine und Vorderbeine in einer Spur laufen

Beide Hände stehen nebeneinander

Die beiden Zügel sind gleichlang

Die Anlehnung entsteht durch das Treiben, nicht durch die Hand

Als Anfänger fällt es sehr schwer, das alles umzusetzen.

Man hat so viele Sachen, auf die man achten muss und dann – zieht man doch mal am Zügel, auch wenn man sich danach schämt. 😔

Um dem Anfänger das Zügelthema zu erleichtern, werden die Pferde mit Hilfszügeln ausgebunden. Seitliche Ausbinder und Dreiecks- oder Laufferzügel sind bei allen Teilprüfungen der Einstiegsabzeichen erlaubt.

Ein Pferd, das richtig am Zügel geht, hat die Nase leicht vor der Senkrechten.

Das variiert natürlich immer etwas in der Bewegung. Die Hilfzügel müssen so geschnallt werden, dass die Reiterhand nicht völlig ausgeschaltet wird und diese Haltung möglich ist.

Alle reden von einer gleichmäßigen, weichen Verbindung zum Pferdemaul, aber was bedeutet das eigentlich?

“Weich” bedeutet, jede ruckartige (=harte) Bewegungen der Hände zu vermeiden und dazu muss man einen ständigen Kontakt zum Pferdemaul halten. Der Pferdekopf nimmt Deine Arme immer leicht nach vorn mit. Und Du musst dann auch wieder leicht mit dem Pferdekopf zurückgehen (der Nickbewegung folgen), ohne den Kontakt zum Pferdemaul dabei kurzzeitig zu verlieren, wodurch sonst ein Ruck entstehen würde.

Das kannst Du nur dann, wenn Du darauf achtest, dass Du nirgendwo Deine Muskeln verspannst. Eine starre Reiterhand, die der Kopfbewegung des Pferdes nicht folgt, steife Schultern, feste Ellenbogen, verkrampfte Finger oder ein angehaltener Atem verhindern die weiche Verbindung.

Aber nicht vergessen: Die Anlehnung entsteht durch das Treiben. Lehnt sich das Pferd nicht an oder legt es sich auf das Gebiss, musst Du Dein Treiben anpassen. Geht das Pferd in Anlehnung oder man sagt auch “am Zügel” oder “durchs Genick” ist das das äußere Zeichen für die Durchlässigkeit. Aber es ist das Ergebnis! Das erreicht man nicht mit der Hand.

Und das ist nicht einfach und erfordert eine Menge Übung!

Die Zügellängen

Es gibt unterschiedliche Zügellängen, die man verwenden kann. Welche das sind und wann man sie einsetzt, findest Du bestimmt selbst raus! 😉

Zieh´ die richtigen Worte in die freien Felder

Die Wirkung der Hilfen und ihr Zusammenspiel

Wir haben jetzt viel über die Hilfen erfahren, aber jetzt sollten wir uns die Wirkung der Hilfen mal am lebenden Objekt, sprich am Pferd ansehen.

In unserem Video erklärt der Reitlehrer, Wolfgang Rust mit seinem Pferd Schoko die Hilfen und ihre Auswirkungen Schritt für Schritt – so, wie er sie auch einem jungen Pferd erklären würde. Dadurch versteht man sehr gut, was die einzelne Hilfe bewirkt und wie man die anderen Hilfen dazu kombinieren muss, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen.

Quelle: YouTube Video, Riding Academy by Wolfgang Rust, F58: Reiterhilfen verständlich erklärt- Sinn und Bedeutung von Schenkel- Kreuz- und Zügelhilfe Pferd (210 Sek.)

Jetzt kennst Du die Wirkung jeder einzelnen Hilfe und hast gesehen, dass alle Hilfen zusammenarbeiten.

Das gilt für die treibenden wie für die verhaltenden Hilfen. Auch hier setzt Du Gewichtsverlagerung und aushaltende oder annehmende Zügelhilfen gemeinsam ein.

Wenn das innere Bein das Pferd gegen die verwahrenden Hilfen (äußeres Bein, äußerer Zügel) treibt, spricht man auch von “diagonaler Hilfengebung”

Über einen gleichmäßigen Takt finden die Pferde zu einer inneren und äußeren Losgelassenheit und gehen als Ergebnis in die Anlehnung.

Wenn Du es schaffst, Dein Pferd in den Rahmen Deiner Hilfen einzuschließen,

  • wird es im Genick mehr nachgeben,
  • sich besser treiben lassen,
  • das Gebiss annehmen,
  • zu kauen beginnen und
  • den Hals aufwölben.

Das wird Dir aber nur dann gelingen, wenn Dein Sitz ausbalanciert und losgelassen ist.

Es ist wieder Zeit für unser Reitlehrer-Lexikon

Wir haben die neuen Begriffe (Teil 2) an den Anfang gestellt. Da die Begriffe aber so wichtig sind, kommen im Anschluss noch einmal die Begriffe von Teil 1 als Wiederholung. 😎

Und zum Schluss noch ein kleines Rätsel…

Wir freuen uns, wenn die Folge Dir gefallen hat!
🥳

© Alix Zitzmann, August 2022